Nr. 15, 1. Juli 2005
Der Kampf um
Arbeit
Osteuropa schickt uns
Arbeitslose
Von Kantonsrat
Lukas Reimann, Wil SG
In
Westeuropa geht die Angst um. Millionen von Osteuropäern drängen seit der
EU-Osterweiterung in die alten EU-Staaten. Viele kommen, um für einen Hungerlohn
zu arbeiten. Andere, um von den westlichen Sozialwerken zu profitieren. Wieder
andere, um kriminellen Machenschaften nachzugehen. Das Schweizervolk kann am 25.
September entscheiden, ob sich auch die Eidgenossenschaft dieser grossen Gefahr
aussetzen will.
| Wohin man auch schaut in Europa, das Problem existiert überall: Die
Zahl der Osteuropäer in Österreich hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als
verdoppelt. Aktuell arbeiten 41 391 Osteuropäer in Österreich, fast ein
Viertel mehr als ein Jahr zuvor. In England rechnete das Innenministerium mit 5000 Einwanderern für die ersten sieben Monate nach der Osterweiterung. Tatsächlich gekommen sind 123 000. Der "Tages-Anzeiger" berichtete, dass inzwischen schon über eine Million Osteuropäer nach England gereist sind. Achtzig Prozent dieser Osteuropäer verdienen pro Stunde lediglich zwischen £ 4.50 und £ 5.99 (9.90 und 13.20 Franken). |
Lukas Reimann Der Autor des heutigen Leitartikels, Lukas Reimann, ist 22jährig und studiert Jurisprudenz an der Universität Zürich. Lukas Reimann vertritt seit 2004 die SVP des Kantons St. Gallen im Kantonsrat. Ausserdem ist er Mit-Gründer und Co-Präsident der EU-kritischen Jugendbewegung Young4FUN.ch. Lukas Reimann glaubt, dass bei der Ost-Personenfreizügigkeit die heutige Jugend die Fehler der gegenwärtigen Politik in Zukunft ausbaden müsste. Der junge Autor wird in weiteren "Schweizerzeit"-Artikeln das Problem der Ost-Personenfreizügigkeit umfassend beleuchten. |
Mafia-Strukturen
Billiglöhner aus Osteuropa ersetzen inzwischen
ganze Belegschaften in deutschen Betrieben. Sie hausen in Massenunterkünften.
Löhne zwischen zwei und drei Euro sind keine Ausnahme. Alleine 26 000 deutsche
Metzger haben ihren Job inzwischen verloren. Sie wurden durch Billigkräfte
ersetzt. Gleichzeitig seien die Löhne um über vierzig Prozent zurückgegangen.
Gewerkschafter sprechen von einem Milliarden-Markt mit mafiosen Strukturen,
Lohndumping und moderner Sklaverei. Die Angst um Existenz und Job geht um, und
zwar in vielen Branchen. Vom Handwerk über den Bau bis hin zur Pflege. Es
arbeiten inzwischen bereits 1,6 Millionen Osteuropäer alleine in Deutschland,
legal oder illegal.
Handwerkskammern registrieren einen Strom neuer
Ein-Mann-Unternehmen aus Osteuropa. In Nordrhein-Westfalen verzeichneten die
Kammern einen Anstieg um fast 900 selbständige Handwerker, neunzig Prozent davon
aus Polen. In Oberbayern schnellte die Zahl der Neuanmeldungen nach der
Erweiterung von acht auf 991 hoch. "Wenn das so weitergeht, dann landen bald
alle Münchner Fliesenleger beim Arbeitsamt, und die Polen machen unsere Arbeit",
sagt Karl-Heinz Kolb, der seit vierzig Jahren in München Fliesen verlegt,
gegenüber der Münchner "Abendzeitung". Osteuropäer bieten ihre Dienstleistungen
und Produkte legal zu Preisen von achtzig Prozent unter jenen der Deutschen an.
Das einheimische Gewerbe kann gegen diese Konkurrenz nicht bestehen. In einer
Umfrage von GULP, dem Informationsservice-Marktführer für IT-Projekte, gaben 84
Prozent aller befragten Unternehmer und Freiberufler an, keine positiven Aspekte
der EU-Osterweiterung zu sehen. Viele hingegen warnten vor Preisverfall,
Lohndumping und Qualitätsverlust durch Niveau-Gefälle.
Die Slowakei
weist mit 17,5 Prozent nach Polen die zweithöchste Arbeitslosenquote der EU aus.
Kurz vor dem EU-Beitritt vom 1. Mai 2004 hat die Slowakei die Unterstützung für
Bedürftige um die Hälfte gekürzt. So wird die Auswanderung der Armen in den
Westen vorangetrieben. Als wenn das alles nicht schon genug wäre, will die
slowakische Regierung nun Arbeitslosen Prämien zahlen, wenn diese in
westeuropäischen Ländern Arbeit suchen. Die Slowakei kassiert grosszügige
Förderungen von der Schweiz. Mit dem Kohäsionsfonds zahlt die Schweiz eine
Milliarde in die neuen EU-Staaten. Verwendet wird dieses Geld in der Slowakei
für den Arbeitslosenexport, wohl auch für Steuerdumping-Angebote an Schweizer
Firmen, um diese zur Verlagerung zu bewegen. Man stelle sich vor, was passieren
würde, wenn Prämienzahlungen an auswandernde Arbeitslose in ganz Osteuropa
Schule machen würden.
Völkerwanderung
Europaweit ist eine
regelrechte Völkerwanderung in Gang. Ukrainer vertreiben Polen, diese wiederum
verdrängen Deutsche. Und diese zieht es notgedrungen in die Schweiz. Doch wo
können wir Schweizer hinziehen, wenn wir verdrängt werden? Als Fischer nach
Island oder, wie schon einmal im vorletzten Jahrhundert, als verarmte
Hilfsarbeiter in die USA? Soweit dürfen wir es nicht kommen lassen!
Die Kluft
zwischen den einseitigen Propaganda-Reden eines Teils des Bundesrates und der
harten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität ist riesig. Wer
behauptet, die Schweiz werde trotz Ost-Personenfreizügigkeit von all den
bedrohlichen Entwicklungen nicht betroffen sein, der lügt. Im Gegenteil wird die
Sog-Wirkung aufgrund unserer (noch) tiefen Arbeitslosigkeit und unseres hohen
Lohnniveaus noch stärker sein. Ein schier unglaubliches Wohlstandsgefälle und
die hohe Arbeitslosigkeit in Osteuropa zeigen Wirkung.
"Schweizer
Tage"
In Deutschland hat die Osterweiterung zu einer Krise und
Rekordarbeitslosigkeit mit über fünf Millionen Arbeitslosen geführt. Einen Teil
davon zieht es in die Schweiz. Auf der Basis der bereits bestehenden
Personenfreizügigkeit mit alten EU-Staaten wird dortigen Arbeitslosen die
Schweiz angepriesen. Es werden "Schweizer Tage" durchgeführt. Dort wird
empfohlen, in der Schweiz beim RAV und bei der Arbeitslosenkasse vorstellig zu
werden. Stellenvermittler wie Adecco oder Manpower werben massenhaft ostdeutsche
Erwerbslose an. Kantonale Inspektoren decken Lohndumping-Fälle auf. Seit Juni
2004 dürfen Arbeitnehmer und Selbständige aus der alten EU ohne Bewilligung in
der Schweiz arbeiten, es braucht bloss noch eine Meldung. Gemäss
"SonntagsZeitung" gehen allein im Kanton Zürich monatlich 2000 Meldungen ein.
Als ob wir bei uns nicht schon genug Erwerbslose hätten: Über 150 000
Menschen sind in der Schweiz ohne Arbeit. Trotzdem finden jeden Monat 3500 neue
Ausländer einen Job bei uns. Tausende Ausländer aus den alten EU-Staaten sind
bereits gekommen, zumeist aus Ostdeutschland. Gerade in den Grenzregionen ist
die Arbeitslosigkeit mit der Einführung des freien Personenverkehrs
kontinuierlich angestiegen.
Trotz solch schmerzhaften Erfahrungen
verschliesst die Schweizer Politik die Augen. Offenbar will man nicht sehen,
welche Gefahr dem heimischen Arbeitsmarkt durch osteuropäische, grenzenlose
Einwanderung droht.
Wohlstandsunterschiede
Den Bedürftigen in
Osteuropa kann's recht sein. Nicht arbeiten in der Schweiz bringt einer
vierköpfigen Familie achtmal mehr ein als arbeiten in der Slowakei. An diesem
Gefälle wird sich so schnell nichts ändern. Das zusätzliche Wanderungspotential
aus dem Osten ist immens. In Lettland liegen die Arbeitskosten im verarbeitenden
Gewerbe bei 2,29. In der Slowakei bei 3,46, in Litauen bei 2,83. Das monatliche
Bruttoeinkommen in Estland liegt bei 146, in der Slowakei bei 364. Die
Arbeitslosenquoten sind horrend. Offiziell ist in Staaten Osteuropas bis zu
jeder fünfte Einwohner arbeitslos. Inoffiziell noch mehr. Die Folge dieser
gewaltigen Wohlstandsunterschiede ist eine Völkerwanderung von beträchtlichem
Ausmass. Bisher vor allem in die alten EU-Länder. Deutschland zum Beispiel
kämpft mit einer massiven Einwanderungswelle osteuropäischer
Sozialhilfeempfänger. Das kostet Milliarden.
Die Ausdehnung der
Ost-Personenfreizügigkeit ebnet der Konkurrenz aus Billiglohnländern den
direkten Weg auf den hiesigen Arbeitsmarkt. Mit der Folge, dass Zehntausende
Schweizer ihren Job verlieren. Lohndumping und illegale Beschäftigung nehmen
zu.
In Bern hat man noch nicht begriffen, dass zukünftige
Einwanderungsdebatten Makulatur sind, wenn wir 475 Millionen EU-Ausländer
praktisch ohne Einschränkung einwandern lassen. Die Folgen der EU-Osterweiterung
in Verbindung mit dem freien Personenverkehr reichen völlig aus, um unser Land
zu ruinieren. Zudem darf man nicht aus den Augen verlieren, was in Zukunft
folgt: Bulgarien, Rumänien, ganz Ex-Jugoslawien und die Türkei sollen noch
EU-Mitglieder werden. Wenn wir jetzt der Ost-Personenfreizügigkeit zustimmen,
gibt es kein Zurück mehr. Der freie Personenverkehr gilt dann auch für
zukünftige EU-Staaten. Die Wohlstandsunterschiede in Rumänien und Bulgarien sind
noch krasser. Die Kriminalitätsraten und der Einfluss der Russenmafia noch
höher. Und aufgrund der bereits heute hohen Zahl von Türken und Ex-Jugoslawen in
der Schweiz wäre die Sogwirkung bei freiem Personenverkehr mit diesen Staaten
unvorstellbar.
Deutschland ist zu spät erwacht - mit schwerwiegenden
Folgen. Das Schweizervolk hat hingegen am 25. September die Möglichkeit, die
Notbremse zu ziehen. Tut es dies nicht, wird es schlimm. Einige wenige werden
profitieren. Der Schweizer Mittelstand, die Schweizer Arbeitnehmer und die
kleinen Unternehmen werden dafür bluten.
Mit Übergangsfristen versucht
man zu beschwichtigen, die Einführung erfolge schrittweise. So könne man auf die
neuen Verhältnisse reagieren. Doch das spielt gar keine Rolle. Ob diese
grenzenlose und unkontrollierbare Einwanderung schon 2007 oder erst 2011 voll in
Kraft treten wird: Unser Land kann über längere Zeit eine derartige, noch nie da
gewesenen Überfremdungs- und Einwanderungswelle nicht überstehen.
In den
Niederlanden und in Frankreich ergaben die repräsentativen Umfragen zum
Abstimmungsausgang über die EU-Verfassung, dass die Hauptgründe für das "Nee"
und für das "Non" die Angst um den Arbeitsplatz und die EU-Osterweiterung waren.
Auch in der Schweiz liegt gemäss Sorgenbarometer 2004 die Angst um den
Arbeitsplatz mit Abstand auf Rang 1. Nicht ohne Grund: Von 1993 bis 2002 mussten
1 204 403 Personen zeitweise von Taggeldern der Arbeitslosenversicherung leben.
Also jeder vierte Schweizer war durchschnittlich einmal arbeitslos. Dies liegt
nicht daran, dass es immer weniger Stellen gibt, sondern daran, dass immer mehr
Ausländer auf einen stagnierenden Arbeitsmarkt drängen. Die meisten kommen
aufgrund der Personenfreizügigkeit mit der alten EU.
Die Manager der
Grosskonzerne haben das Recht, für die Ost-Personenfreizügigkeit einzustehen.
Aber sie müssten dann auch ehrlich kommunizieren, was auf die Schweizer
Bevölkerung zukommt: Wie der Sozialstaat demontiert wird. Dass eine
Reserve-Armee von Lohndrückern samt Familien einwandert. Dass die Überfremdung
noch weiter zunehmen wird. Wie der kleiner werdende Sozialkuchen mit immer mehr
Hungrigen geteilt werden muss.
Sämtliche Barrieren
fallen
Zu behaupten, wir hätten zu wenige Arbeitskräfte aus dem Ausland,
ist unredlich. In den letzten zwölf Jahren sind rund 1,3 Millionen Ausländer neu
eingewandert und haben eine Jahresaufenthaltsbewilligung erhalten. Davon kamen
519 881 als Erwerbstätige. Niemand wird bestreiten, dass ein attraktives Land
wie die Schweiz immer ausländische Arbeitskräfte rekrutieren kann, wenn sie
benötigt werden. Ohne den freien Personenverkehr lässt sich dies aber regulieren
und geschickt nach unseren Bedürfnissen steuern. Mit dem freien Personenverkehr
gibt es langfristig keine Regulierungsmöglichkeit mehr. Sämtliche Barrieren
fallen. Freie Einwanderung pur, ohne Grenzen.
Schauen wir der Realität
ins Gesicht. Gerade bei einer EU in derart schlechtem Zustand: Wer an die
Zukunft der Schweiz glaubt, sollte sich angesichts dieser Tatsachen davor hüten,
die Einwanderungspolitik an Brüssel zu delegieren. Das ist gefährlich und
schadet der Schweiz.
Lukas
Reimann